Das Weinkellerloch

Felsspalte

Unweit von Wernigerode befindet sich in einem Tal eine Vertiefung, welche das Weinkellerloch genannt wird. In dieser Höhle sollen große Schätze liegen.

Vor vielen Jahren weidete ein armer Schäfer dort seine Herde. Einmal, als es schon Abend werden wollte, trat ein greiser Mann zu ihm und sprach: „Folge mir, so will ich dir Schätze zeigen, von denen du dir nehmen kannst, soviel du Lust hast.“ Der Schäfer überließ dem Hunde die Bewachung der Herde und folgte dem Alten. In einer kleinen Entfernung tat sich plötzlich der Boden auf; sie traten beide ein und stiegen in die Tiefe, bis sie zu einem Gemach kamen, in welchem Gold und Edelsteine aufgetürmt lagen. Der Schäfer wählte sich einen Goldklumpen, und ein Unsichtbarer sprach zu ihm: „Zeig das Gold dem Goldschmied, der wird dir reichlich zahlen.“ Darauf leitete der Führer ihn wieder zum Ausgang. Der Schäfer tat, wie ihm geheißen, und erhielt von dem Goldschmied viel Geld.

Erfreut brachte er es seinem Vater. Dieser sprach: „Versuche noch einmal in die Tiefe zu steigen.“ „Ja, Vater,“ antwortete der Schäfer, „ich habe dort meine Handschuhe liegen lassen. Willst du mitgehen, so will ich sie holen.“ In der Nacht machten sich beide auf, fanden die Stelle und gelangten zu den unterirdischen Schätzen. Es lag noch alles wie das erste Mal, auch die Handschuhe des Schäfers waren da. Beide füllten sich die Taschen und gingen dann wieder heraus, worauf sich der Eingang mit lautern Krach schloss.

Die folgende Nacht wollten sie es zum dritten Mal wagen, aber sie suchten vergeblich. Da trat ihnen der alte Mann entgegen und sprach zum Schäfer: „Hättest du deine Handschuhe nicht mitgenommen, so würdest du auch zum dritten Mal den Eingang gefunden haben, denn dreimal sollte er dir geöffnet und zugänglich sein. Nun aber ist er dir auf immer unsichtbar und verschlossen.“